Hausverstand ist die erste Grundregel im Kontakt mit allen Menschen, aber oft sind wir unsicher, wenn wir Menschen mit geistiger Behinderung begegnen – nicht zuletzt, weil uns oft Gelegenheit und Übung fehlt. Ein paar Anregungen.
Sehen Sie den Menschen zuerst (die englischsprachigen Selbstvertreter von Menschen mit geistiger Behinderung haben sich darum auch den Namen „People First“ gegeben). Die Behinderung ist zwar Teil der Person, aber sie macht nicht den ganzen Menschen aus.
Menschen mit geistiger Behinderung haben dieselben Grundbedürfnisse wie alle anderen auch – eine gute Kontrollfrage für das eigene Verhalten ist darum immer: Würde ich das wollen? Nehmen Sie Menschen mit geistiger Behinderung ernst, auch wenn Sie deren Verhalten manchmal als linkisch oder kindlich beurteilen würden. Ihr Gegenüber hat ein Recht auf respektvollen Umgang, sprechen Sie ihn oder sie darum mit „Sie“ an.
Niemand will gerne angestarrt oder bemitleidet werden. Mit einem freundlichen Blick oder einem freundlichen Gruß können Sie leicht das Eis brechen. Wenn Sie den Eindruck haben, dass jemand Unterstützung oder Hilfe braucht, ist es das Einfachste, nachzufragen. In öffentlichen Verkehrsmitteln können Sie zum Beispiel, wenn erwünscht, beim Ein- und Aussteigen, bei der Kartenentwertung oder bei Fragen zum Fahrziel helfen.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für gelungene Kommunikation ist einfache, verständliche Sprache. Fragen Sie nach, ob Sie auch richtig verstanden wurden. Verwenden sie möglichst einfache Sätze. Vermeiden Sie Fremdwörter und abstrakte Darstellungen, sprechen Sie möglichst konkret und bildlich.
Manchmal brauchen Menschen mit geistiger Behinderung etwas länger. Darum bitte: Haben Sie Geduld und schenken Sie Zeit. Zu viele Informationen oder zu viele Angebot können verwirren. Sie können durch gezielte Vorschläge und Tipps, etwa beim Einkauf oder der Essensauswahl im Restaurant, helfen.
„Der Kunde ist König“ gilt auch für Menschen mit geistiger Behinderung. Auch wenn es Zeit und Mühe kostet, bitten wir Sie als Verkäuferin oder Verkäufer zu versuchen, den eigentlichen Kundenwunsch heraus zu arbeiten. Wenn dieser Wunsch erfüllbar ist und der Kunde bezahlen kann, muss das betreffende Produkt oder die Dienstleistung selbstverständlich auch an Menschen mit geistiger Behinderung verkauft werden.
Manchmal sind Menschen mit geistiger Behinderung ungewöhnlich direkt und spontan in der Begegnung. Oft zeigen sie Freude, Trauer oder Unbehagen deutlich sichtbar, manchmal zur großen Irritation ihrer Umgebung. Lassen Sie sich auf den Kontakt ein, freuen Sie sich oder trauern Sie mit, wenn Sie können. Sie brauchen sich nicht zu scheuen danach zu fragen, was der Grund für eine starke Emotion ist. Machen Sie aber auch Ihre Grenzen klar, indem Sie sagen, wenn sie beispielsweise nicht umarmt werden möchten.
In ungewohnter Umgebung finden sich Menschen mit geistiger Behinderung oft nicht zurecht. Wenn Sie dies bemerken und fragen, was der oder die betreffende Person braucht, dann können Sie möglicherweise entsprechende Hilfe geben. Vor allem als Angehörige der Exekutive bitte wir Sie, in diesen Situationen um Ihre geduldige Unterstützung. Bitte schließen Sie nicht automatisch vom Verhalten auf die Absicht einer Person: Manchmal können Menschen mit geistiger Behinderung die Folgen ihres Handelns nicht richtig einschätzen.
In Situationen, die Angst erzeugen – wie bei medizinischen Untersuchungen – tun sich Menschen mit Behinderung manchmal schwerer, ihre Aufregung zu kontrollieren. Bitte nehmen Sie sich als Ärztin, Arzt oder medizinisches Personal Zeit. Informieren Sie in einfachen Sätzen über Ihre Handlungen. Wirken Sie durch Sprache und Verhalten beruhigend, sprechen Sie Mut und Tapferkeit zu. Versuchen Sie, allfällige Begleitpersonen stützend einzubeziehen.
Das äußere Erscheinungsbild eines Menschen mit Behinderung lässt nicht auf die Person dahinter schließen. Vielleicht wirken die Bewegungen eines Menschen sehr unkontrolliert, obwohl die betreffende Person gelernt hat mit ihrer Beeinträchtigung gut zu leben und sich trotzdem sicher zu bewegen, etwa beim Gebrauch von Messer und Gabel. Jemand anderer mag äußerlich völlig unauffällig sein, aber eine sehr eingeschränkte zeitliche und örtliche Orientierung haben. Erst durch den Kontakt mit dem Menschen und die genaue Beobachtung können Sie sehen, welche Bedürfnisse jemand in einer konkreten Situation hat. Nicht nur fehlende Unterstützung, auch Bevormundung kann ein Problem sein.