HTML Version    Schriftgröße: A A A        

PND-Netzwerktagung Berlin

Der kritische Umgang mit Pränatal-Diagnostik war auch auf der heurigen Fachtagung des deutschen Netzwerks gegen Selektion durch PND in Berlin vom 13.-15.2.09 wieder das Hauptthema. Die Parallelen zur österreichischen Situation sind offensichtlich.

 

Vom 13. -15. Februar 2009 hat die die Netzwerk-Tagung "Wie können Frauen eine informierte Entscheidung treffen?" in Berlin stattgefunden.

Berater/innen, Hebammen, Ärztinnen und Ärzte, Mitarbeiter/innen aus der psychosozialen Arbeit wie aus der Behindertenselbsthilfe nutzen das Netzwerk und die jährlichen Tagungen, um ihre Erfahrungen und Positionen auszutauschen, zu bündeln und weiterzuentwickeln.

Der Vortrag von Dr. Wolfgang Gaissmaier (Zentrum für Risikokommunikation - Max Planck Institut für Bildungsforschung) unterstrich die Bedeutung einer evidenzbasierten medizinischen Aufklärung, die Frauen und Paaren Nutzen, Risiken und Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik transparent und verständlich vermittelt. Er legte eindrücklich dar, dass Information über Risiken in der Schwangerschaft in Form von Wahrscheinlichkeitszahlen gegeben wird, die die meisten Frauen – und sogar viele Ärztinnen und Ärzte – nicht oder nicht richtig verstehen. Er forderte, Prozentzahlen in die Zahl von tatsächlich betroffenen Personen umzurechnen. Dies vermittelt eine realistischere Vorstellung, die für eine Informierte Entscheidung gebraucht wird, statt Ängste vor einem potentiellen "Risiko" einer Behinderung zu fördern. Eine eigentlich selbstverständliche Forderung, die aber in der Praxis längst nicht immer umgesetzt wird.

Die fast 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten im Plenum und in Arbeitsgruppen verschiedene Aspekte der Beratung vor, während und nach pränataler Diagnostik und beschlossen weitere Arbeitsvorhaben des Netzwerkes. So wurde für 2011 eine Fachtagung zum Thema Auswirkung der Pränataldiagnoistik auf die Eltern-Kind-Beziehung vorgeschlagen, die sich auf der individuellen, gesellschaftlichen und ethischen Ebene mit den Fragestellungen auseinandersetzen will.

Auch die aktuelle politische Diskussion um die Änderung des Schwangerschaftkonfliktgesetzes zur medizinischen Indikation, insbesondere die Frage der Spätabbrüche, wurde durch die Teilnehmer/innen aufgegriffen. Das Netzwerk wird seine Forderungen nach 

  • der Herausnahme von vorgeburtlichen Diagnosen, die auf Selektion zielen, aus dem Regelangebot der Schwangerenvorsorge
  • einer umfassenden medizinischen Aufklärung vor allen pränataldiagnostischen Verfahren
  • und einer unabhängigen, freiwilligen psychosozialen Beratung und Begleitung,

in die Diskussion einbringen. Die Fokussierung auf die Beratung nach einer PND mit auffälligem Befund ist nicht ausreichend. Sie lastet das Problem ganz am Ende des Prozesses der einzelnen schwangeren Frau/den Paaren auf, statt viel früher, bei dem routinemäßigen Einsatz von Pränataldiagnostik, anzusetzen.

In diesem Zusammenhang unterstützt das Netzwerk die Forderung, die Mutterschaftsrichtlinien zu ändern. Der Rechtsanspruch auf Beratung rund um Schwangerschaft und Geburt soll in den Mutterpass in verständlicher Form aufgenommen werden.

Das Netzwerk wurde 1995 in Frankfurt begründet, 1997 entschieden sich die Mitglieder, ihm den Namen "Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik" zu geben, um das Selbstverständnis und die gesellschaftspolitischen Zielsetzungen zu verdeutlichen.

Ziel des Netzwerkes ist es, eine öffentliche Gegenstimme zur rasanten Entwicklung der Medizintechniken zu sein. Die unterschiedlichen Gruppen des Netzwerkes einigt die grundsätzlich kritische Haltung gegenüber Pränataldiagnostik mit ihren selektiven Absichten und Zielrichtungen und dem am Risiko orientierten Umgang mit Frauen, die schwanger sind, waren oder werden wollen.

Der AWO Bundesverband e.V. und Einrichtungen der AWO engagieren sich im Netzwerk. So wurde die diesjährige Tagung von der AWO organisiert.

 

Link zum deutschen Netzwerk

Link zum österreichischen Netzwerk (prenet)

 

27.Februar 2009 / lhw-bs, aus: Pressemitteilung AWO (Claudia Lissewski)