Herbert Mittelhofer führt ein unspektakuläres Leben: Seine Arbeit besteht vorwiegend aus Botengängen und Postwegen.

- Zu den Botendiensten wird das Mariazeller-Sackerl mitgenommen.
In seiner Freizeit liebt es Herr Mittelhofer, lange Spaziergänge zu machen, seine Freunde findet er in einer Pfarrgemeinschaft. Und wie viele in seinem Alter denkt er an die Pension.
Nicht, dass ihm seine Arbeiten unangenehm wären. In einer Werkstatt der Lebenshilfe im 23. Wiener Gemeindebezirk sind Kolleginnen und Kollegen, die auch Freunde sind, und mit seinen Aufgaben hat er durchaus Freude. Manches ist Routine, wie die Industriearbeiten in der Werkstatt: "Sachen zusammenbauen, Einsackeln, Abfüllen, das ist schon ok". Aber wie viele Wiener in seinem Alter von 59 Jahren denkt er auch schon an die Freuden der Pension: "Da könnte ich länger schlafen."
Seit einiger Zeit wohnt er so, wie er es "schon lange wollte". Nachdem er zuvor in einer Wohngemeinschaft wohnte, lebt er jetzt in einer sogenannten "Übergangswohnung", eine Garconniere in einem Wohnhaus in Meidling. Diese wird von Mitarbeitern der Lebenshilfe nach seinem Bedarf betreut.
Zum Frühstück "Kinderkaffee"
Zum Frühstück "mach ich mir einen Kinderkaffee", neumodischer ausgedrückt: Ein Cafe Latte mit viel Milch und einem Löffel Benco. Abendessen wird erst nach der Arbeit entschieden. Wie vielen Singles ist ihm die wachsende Auswahl an Tiefkühlkost eine große Hilfe.
Die Lage seiner Wohnung am Meidlinger Bahnhof macht Herrn Mittelhofer viel Freude, kommt sie doch seiner heimlichen Leidenschaft entgegen: Eisenbahnen. Herbert Mittelhofer ist ein Eisenbahn-Fan, von der "richtigen" bis zur "kleinen" Modelleisenbahn zu Hause. Dank seines Hobbys kommt er auch mit den Öffis in Wien gut zurecht, ob Strassenbahn, Bus oder U-Bahn.
Sonntags gibt es entweder Besuche bei einer seiner beiden Schwestern oder Aktivitäten mit der Pfarrgemeinschaft. Mancher Ausflug wird "mit dem Pfarrhof" gemacht, vom Besuch in einer niederösterreichischen Schokoladefabrik bis zu Fahrten ins benachbarte Bratislava oder Ungarn. "Ich würde meine Schwestern gern öfter sehen, aber sie haben selbst viel zu tun zu Hause", versteht er die Anforderungen, die eigenes Familienleben an seine Geschwister stellen. Die Eltern und ein Bruder leben nicht mehr. Gelegentlich geht es nach Krems, der alten Heimatstadt, "da fahr ich selbst hin mit der Franz-Josefs-Bahn", vor allem zur Fronleichnamsprozession - ein Höhepunkt des Jahres.